Die Stelle

Ich habe mich beworben. Im gleichen Bereich der Firma. Eine Stelle, die zu meiner ursprünglichen Ausbildung und Berufserfahrung hervorragend passt. Ich habe die Stellenanzeige gelesen und war angefixt, jedoch noch nicht begeistert.

Es würde bedeuten, dass ich wieder Vollzeit arbeite. Und dass ich etwa 500 € netto mehr pro Monat bekommen würde, für 25 Prozent mehr Zeiteinsatz. Es würde mir ermöglichen, direkt unter der Leitung zu arbeiten und die Arbeit wäre eine interessante, die mich fordern würde. Doch ich bin noch immer nicht davon überzeugt.

Bewerben oder nicht

Der #Kollege sprach mich auf die Stelle an und ermunterte mich, mich darauf zu bewerben. Wer, wenn nicht ich sei auf diese Stelle bestens geeignet, hier im Haus. Und das empfahl er mir in dem Wissen, dass er mich in der Abteilung verlieren würde, wenn ich die Stelle bekäme.

Der #Vater ermunterte mich ebenso. Er sah für mich eine Möglichkeit, mich finanziell zu verbessern und eine Stufe nach oben zu rutschen auf der Karriereleiter.

Für mich wäre es eine Möglichkeit, die psychische Belastung und den Zugriff durch die direkte #Chefin zu lösen. Der Kollege geht in einem halben Jahr in Rente. Somit ist dieser Puffer und der Gegenpol ihr gegenüber dann weg. Die Belastung durch sie könnte weiter steigen.

Also alles gute Argumente, die für eine Bewerbung sprachen. Ich legte mich ins Zeug und warf meinen Hut mit perfekten Bewerbungsunterlagen in den Ring, was zu einer Einladung zu einem Vorstellungsgespräch führte.

Schließlich hatte ich nichts zu verlieren. Selbst, wenn sie sich für eine andere Person entscheiden, habe ich mich gezeigt und ein Zeichen gesetzt, dass ich weiterkommen möchte und bereit bin etwas zu verändern.

Davor

Ich habe mich vorab gut auf das Gespräch vorbereitet. Die Fragen waren weitgehend vorhersehbar und ich habe mit einem befreundeten Coach ein Übungsgespräch geführt. Mehrfach habe ich das Gespräch mit dem Spiegel und mir geübt. Meine Notizen in stark verkürzter Form hatte ich in einer Kladde beim Gespräch dabei.

Ein Fehler, den ich gemacht habe, war vorher arbeiten zu gehen. Konzentrieren konnte ich mich hier ohnehin kaum. Die Gedanken kreisten immer wieder um das Gespräch. Eine Stunde vor Gesprächsbeginn bekam ich Magenkrämpfe und die Chefin quetschte mich über den anstehenden Termin aus. Schließlich sprach ich mit ihr über die Bewerbung und das anstehende Vorstellungsgespräch. Sie war sehr neugierig und übte mit ihren Fragen zusätzlich Druck auf mich aus.

Das Gespräch

Ich hasse diese Art von Gesprächen. Ich sitze mindestens drei Personen gegenüber. Die Situation wirkt meist sehr künstlich. Auch wenn sich die Beteiligten schon kennen. Und ich bin immer aufgeregt.

So auch heute. Wahrscheinlich muss das so sein, in dieser Art von Firma. (Ich bekomme Lust, mich in anderen Firmenkonzepten zu bewerben.)

Ich saß fünf Personen gegenüber. Mein erster Eindruck von den Beteiligten war, dass sie nicht sehr motiviert sind – gar gelangweilt oder eingeschläfert wirken einige von ihnen. Insbesondere die Leitung. So als hätten sie nicht zwei Gespräche hinter sich, sondern einen ganzen Bewerbungsmarathon.

Mich irritierte zusätzlich, dass niemand ein Hemd oder für ein Vorstellungsgespräch passende Kleidung trug. Es wirkte nicht passend für solch eine Situation, in so einer Firma, für eine Stelle in dieser Gehaltsklasse. Es wirkte, als fehle die Ernsthaftigkeit.

Das Gespräch begann. Eine Vorstellung entfiel, da sich alle Beteiligten schon kennen. Es wurden die erwarteten Fragen gestellt und ich präsentierte das Vorbereitete. Es saß so gut, dass ich nicht einmal in meine Notizen schaute, trotz der Aufregung.

Trotzdem fühlte sich das Gespräch zäh an. An zwei bis drei Stellen stockte das Gespräch und ich konnte klären. Der Personaler bohrte weiter und ich verstand nicht, was sie hören wollten. Es ging um Beispiele für den in der Ausschreibung nicht näher beschriebenen Stelleninhalte. Ich versuchte es mit Beispielen, die ich aus dem Hut zauberte, brachte das Gremium zum Schmunzeln. Nach 20 Minuten war das Verhör beendet.

Ich habe nach dem Gespräch das Gefühl, fast alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte. Trotzdem fühlte sich das Gespräch als nicht gut verlaufen an.

Natürlich habe ich mir im Vorfeld viele Gedanken über mögliche Stelleninhalte und Aufgaben gemacht. Anscheinend war das jedoch nicht das, was sie von mir hören wollten.

Vom Gefühl her würde ich sagen, dass ihnen selbst noch nicht klar ist, welchen Umfang und welches Potenzial diese Stelle in der Firma hat. Auch dies ist ein Phänomen, das ich in dieser Art von Firma schon häufiger beobachtet habe.

Danach

Die Firmenleitung und die Abteilungsleitung riefen mich am Tag nach dem Vorstellungsgespräch zu einem Gespräch zu sich. Sie wollten mir das Ergebnis des Auswahlgremiums mitteilen.

Ich hätte mich nicht gut präsentiert. Das gesamte Auswahlgremium sei der Meinung gewesen, dass ich mich unter Wert verkauft hätte. Die Leitung erwähnte, sie hätte mich mehrfach schütteln können, weil sie wüsste, was ich drauf hätte und das nicht rübergebracht habe. Natürlich sei ihnen klar, welche Erfahrung ich mitbringe und dass ich hier in der Firma schon gut eingearbeitet sei. Das hätte ich mehr herausstellen sollen.

Sie hätte auch gemerkt, dass mir unwohl war und ich aufgeregt gewesen sei. Ihr ginge das früher auch so, mit solchen Terminen. Man könne das jedoch üben und sie werde mich nun verstärkt vor solche Herausforderungen stellen. Sie wüsste aus der Vergangenheit und der bisherigen Zusammenarbeit, dass ich wesentlich mehr auf dem Kasten habe.

Doch sie hätten sich für einen der anderen beiden Mitbewerber entschieden.

Die Leitung erwähnte, dass ich mich mit der Bewerbung nicht nur beworben habe, sondern auch etwas gezeigt habe. Es wurde versprochen, dass wir uns in dieser Konstellation in zwei Monaten noch einmal zusammensetzen werden. Sie erwarte dann die Zukunftsvision für meine Position in der Firma.

Am Ende des Gesprächs hat mich die Leitung in den Arm genommen und gedrückt. Es wirkte wie eine Entschuldigung. Ich war erneut irritiert.

Schlussfolgerungen

Diese letzte Geste passte als Abschluss wunderbar zum vorher gesagten, was ich der Leitung ebenso nicht abnehme. Und es ist eine Geste, besser als keine.

Es wirkte wie ein: Entschuldige, dass wir dich nicht nehmen. Du warst gut, aber wir wollten von vorneherein jemand anderen auf der Stelle haben. Dazu passt auch das fehlende Engagement im Vorstellungsgespräch und die Kleidung.

Wenn die Leitung, weiß, was ich kann und mich „so toll findet“, dann könnte sie mich auch einfach nehmen und müsste nicht so ein Laienspiel vollziehen.

Wenn die Leitung mich haben wollte, dann würde sie dem Gremium nach dem Vorstellungsgespräch einfach sagen: „Der ist es, den will ich haben!“. Dann würde das Gremium wahrscheinlich nichts dagegen sagen, auch wenn sie Bedenken hätten.

Es ist schade, dass die Leitung nicht den Mut hat, ehrlich mit mir zu sprechen.

Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt. Ich konnte mich mit diesem Bewerbungsprozess zeigen und den Vorgesetzten mitgeben, dass ich mich weiterentwickeln möchte.

Nachdem ich mir das von der Seele und aus meinem Hirn geschrieben habe, kann ich ruhig schlafen, sowie mit einem Lächeln taktisch klug und mit bedacht in der Firma weiter agieren.

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